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Graffiti in Dresden

Augen auf! Herzen auf! Türen auf!

 

Das Bein mit Kühl-Akkus bandagiert und hoch gelagert, liege ich auf der bequemen Couch in der bezaubernden Ferienwohnung. Gestern erst sind wir angekommen in der prächtigen alten Radebeuler Villa. Von der Decke schaut ein draller Engel auf mich herab. Den Schutzengel hätte ich vor einer Stunde gebrauchen können. Aber da war kein geistiges Wesen, das mich warnte, sondern eher ein übellauniger, marokkanischer Dschinn, der mich hinterhältig zum Erdloch in der Wiese am Zwingergraben lockte. Das einzige weit und breit. „Oh, schau mal, da ist schon die Zwiebelkuppel vom Kronentooh – au! Ein höllischer Schmerz im Knöchel und ich lag mit der Nase im Dreck. Fachkundige Untersuchung durch Peter: „Gebrochen ist nichts“. Also, zurück mit dem Taxi und ruhen.

 

Das hatte ich mir anders vorgestellt. Mit dem Fahrrad die Elbe ein Stück hoch, ein Stück runter. Dresden, Moritzburg, Meißen. Schließlich noch eine Woche Wandern und Radeln in der Sächsischen Schweiz. Das war der Plan. Kara, eigentlich unsere ständige Begleiterin, durfte diesmal nicht mit. Sie hat einen Kur-Aufenthalt bei den Enkeln gebucht. Nun liege ich hier untätig herum. Aber glücklicherweise erholt sich mein verstauchter Knöchel schnell. Fest mit einer Elastikbinde gestützt, kann ich schon am nächsten Nachmittag durch die hübschen Gassen von Kötzschenbroda humpeln.

 

Das romantische Weindorf war so verfallen, dass es zu DDR-Zeiten abgerissen werden sollte. 1994 wurde der historische Dorfanger zum Sanierungsgebiet erklärt. Heute sind fast alle der putzigen Häuschen liebevoll restauriert. Cafés, Gasthäuser, Biergärten und Kunsthandwerkerläden laden zum Bummeln und Einkehren ein. Auffällig ist die einheitliche Biergarten-Bestuhlung und die beschauliche Stille. Aus keinem Restaurant dringt laute Musik. In der „Alten Apotheke“ essen wir unsere erste Eierschecke, den sächsischen Traditionskuchen. Einfach köstlich: Eine Käseschicht auf dünnem Mürbeteig, mit einer luftigen Haube aus Pudding und Eiern.

 

An den Laternenpfählen entlang der Straßen hängen Wahlplakate. Fassungslos stehen wir vor der geschmacklosen und demagogischen Propaganda der AfD. Ein Bild zeigt den dicken Bauch einer Schwangeren mit der Überschrift:„Neue Deutsche?“ - machen wir selber! Andere Plakate sind mit einer dünnen Farbschicht überpinselt. Darüber ist eine Notiz getackert: „Heute Wahlplakate, morgen dein Auto und dein Haus. Jetzt erst recht AfD wählen!“ So stilisiert sich die AfD zum Opfer. Auffällig, dass die angeblichen Plakatbeschädigungen sehr einheitlich aussehen sowie Name und Botschaft der Partei immer lesbar bleiben.

 

 

Auch am nächsten Tag ist noch Schonung angesagt. Bequem geht es daher mit der Schwebebahn von Loschwitz über 80 Meter den Elbhang hinauf nach Oberloschwitz.

Die Aussicht hinunter auf die Elbe, auf Dresden und das Blaue Wunder ist beeindruckend. Ihren Namen hat die 1893 eingeweihte Stahlbrücke wegen ihrer hellblauen Farbe. Würde mein Fuß mitmachen, könnte wir von hier durch das Villengebiet „Weißer Hirsch“ hinüber zur Bergstation der Standseilbahn laufen. Schon im 18. Jahrhundert errichteten wohlbetuchte Geschäftsleute und Künstler ihre stattlichen Häuser in dieser landschaftlich reizvollen Gegend. Später, zu DDR-Zeiten, bewohnten Künstler die mittlerweile stark verfallenen Häuser für wenig Geld. Heute ist der Hang wieder bei der Highsociety beliebt.

 

 

Nicht weit von Loschwitz entfernt, liegen die Elbschlösser Albrechtsberg, Eckberg und Lingner. Letzteres trägt erst seit dem Erwerb durch den Fabrikanten Lingner dessen Namen. Der Erfinder des Mundwassers Odol konnte es sich leisten, denn er machte mit dem Produkt ein Vermögen. 

 

 

Wir spazieren durch die Parkanlagen und entdecken den uns bisher unbekannten Tauben- oder Taschentuchbaum. Seine riesigen, zarten, weißen Blüten, oder korrekt Hochblätter, flattern filigran im Wind.

 

 

Richtig warm ist es geworden und die Sonne scheint. Dabei war für heute Regen bei kühlen Temperaturen gemeldet. So wird das die ganze Woche gehen und uns vom Radeln abhalten. „Wenn ein Regenguss naht, sind wir mit Auto und zu Fuß einfach flexibler“, denken wir uns. Am Ende unseres Aufenthaltes in Radebeul wird es aber nur einmal geregnet haben. Wasser auf meine technikkritischen Mühlen: Niemals seine Entscheidungen von einer APP abhängig machen!

 

Im „schönsten Milchladen der Welt“ in der Neustadt von Dresden haben wir Glück. Der Reisebus voller Touristen ist gerade abgefahren und wir haben die Lokation für uns allein. „Das ist selten“, bestätigt uns die nette Verkäuferin hinter der reich bestückten Käsetheke. „Pfunds Molkerei“ ist eine touristische Attraktion. Zu recht. Der Laden mit den handgemalten Kacheln ist ein Traum. Blumengirlanden, Ornamente und zahlreiche Putten tummeln sich um Szenen aus der Milchwirtschaft.L

 

 

Ende des 19. Jahrhunderts schaffte der Unternehmer Pfund ein Imperium mit der Produktion und dem Vertrieb frischer und hygienischer Ware. Zum Konzept gehörte ein selbst erfundenes Kühlsystem, ein eigener Fuhrpark sowie Dienstwohnungen und feste Arbeitszeiten für die Beschäftigten. Nebenbei erfand Pfund die Babynahrung und die Kondensmilch. Wir lassen uns eine kühle Buttermilch schmecken und machen ein paar Fotos. Glücklicherweise lesen wir erst später das Schild „Fotografieren nicht erlaubt“. Ja, und dann ist es auch schon wieder vorbei mit der Ruhe. Die nächste Busladung stürmt den Laden. Diesmal sind es Asiaten.

 

Heute wage ich einen längeren Stadtrundgang“, verkünde ich unternehmungslustig am nächsten Morgen. Mal schauen, ob der mittlerweile grün und blau gefärbte Fuß mitmacht. Wir nehmen die Tram, denn es ist wieder mal starker Regen vorausgesagt. Das Verkehrsnetz ist gut ausgebaut und schon bald steigen wir versiert von einer Tram in die nächste, um von einer Ecke Dresdens in die andere zu kommen. 

 

Wir beginnen dort, wo der erste Versuch so schmerzhaft endete. Um das Erdloch mache ich diesmal einen großen Bogen. Durch das Kronentor betreten wir den Zwinger. Es ist, als ob man aus dem Wald auf eine Lichtung tritt. Leicht und harmonisch wirkt die symmetrische Gesamtanlage in prächtigem Barock. Sie ist so groß, dass sogar die zahlreichen Touristen nicht stören.

 

 

Als repräsentativen Festplatz ließ August der Starke auf dem alten Festungswall ein Ensemble aus Galerien und Pavillons errichten. Der „sächsische Sonnenkönig“ war für seine rauschenden Feste bekannt. Er liebte üppiges Essen, guten Wein und hübsche Frauen. Zahlreiche Legenden spinnen sich um die Zahl seiner unehelich gezeugten Kinder. Unbestätigte, namentlich nicht recherchierte 354 sollen es gewesen sein, offiziell sind es nur acht. Zu seinen besten Zeiten wog der Genießer 113 kg. Kein Wunder, dass er mit 63 Jahren nach langjähriger Diabetes-Erkrankung starb. Aber ohne ihn wäre Dresden nicht zum „Elbflorenz“ geworden. August förderte Künstler, Wissenschaftler und Denker und Dresden erblühte kulturell zu einer Stadt europäischen Rangs.

 

Leider ist ein Teil der Zwinger-Anlage durch einen Bauzaun gesperrt. Sogar er huldigt der Kunst, denn er zeigt die Gemälde der alten Meister. Die Originale, darunter auch die Sixtinische Madonna von Raffael mit den bekannten „Weihnachtsengelchen“ am unteren Bildrand, könnte man im Museum bewundern. Ebenso die von August gesammelten prunkvollen Exponate und funkelnden Kostbarkeiten, die im sogenannten Grünen Gewölbe im Residenzschloss ausgestellt sind. Doch das Wetter ist so schön, dass es uns nicht in die Museen zieht.

 

 

Vielmehr lassen wir uns von den zarten Klängen einer Oboe zum Theaterplatz locken. Was für eine Kulisse! Schinkelwache, Semperoper, Schloss und Hofkirche. Dazu die einfühlsame Musik, die wunderbar mit den einzigartigen Baudenkmälern harmoniert. 

 

 

Trotz der vielen Touristen umhüllt uns eine beschauliche, feierliche Stimmung. „Für wann haben wir die Führung in der Semperoper gebucht“, fragt Peter. „Morgen 13 Uhr.“ Am Portal der Oper sitzen Goethe und Schiller, in den Nischen tummeln sich unter anderem Shakespeare und Molière. Weit oben hält das Brautpaar Bacchus und Ariadne Einzug auf einem zweirädrigen Wagen, der von vier Panther gezogen wird (Bacchus war als Kind von Panther gesäugt worden). Vier Fahnen flattern vor dem Opernhaus auf denen steht: „Augen auf! Herzen auf! Türen auf! Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Damit zeigt das Opernhaus Flagge und wirbt für ein weltoffenes Dresden.

 

 

Wo sich ein „Blick von oben“ bietet, nehmen wir ihn wahr, auch wenn der Aufstieg oft Keuchen und Wadenkrämpfe bedeutet. Wir kennen das schon: Regelmäßig bewirkt die Vogelperspektive bei uns ein emotionales Hoch. „Schlossturm oder Frauenkirche“, überlege ich jetzt laut. „Frauenkirche“, antworten wir fast gleichzeitig. Vorbei am Fürstenzug, der Ahnenreihe der Wettiner an der langen Wand des Stallhofes. Die Abbildung besteht aus 25.000 fugenlosen Meissner Porzellankacheln und zeigt 35 Fürsten und Könige des Adelsgeschlechtes hoch zu Ross.

 

Bis 13 Uhr geschlossen“. Etwas ratlos stehen wir am Eingang zur Frauenkirche. „Dann machen wir eben dort drüben im Coselpalais solange eine Kaffeepause“, schlage ich vor. Ich hatte von der großen Auswahl an leckeren Torten im Grand Café gelesen. „Dir fällt doch immer eine Alternative ein. Vor allem weißt du, wo man gut isst“, grinst Peter. Das Coselpalais wurde für den unehelichen Sohn, den August der Starke mit der Gräfin Cosel hatte, gebaut. Die Gräfin war lange Jahre die Lieblingsmätresse des Königs, bis sie in Ungnade fiel und auf die Burg Stolpen verbannt wurde. Dort lebte sie 49 Jahre lang bis zu ihrem Tod. Das waren die weniger charmanten Seiten des Königs.

 

Der Grundstein der Frauenkirche wurde 1726 gelegt. Baumeister war George Bähr, der bis dahin nur kleine Kirchen, zum Beispiel auch die in Loschwitz, gebaut hatte. Angelehnt an italienische Vorbilder schuf er einen Zentralbau mit einer gewaltigen Kuppel. In der Bombennacht 1945 brannte das Bauwerk von innen aus, brach aber erst zwei Tage später in sich zusammen.

 

 

Als Mahnmal gegen den Krieg überdauerte die verkohlte Ruine den Sozialismus. Dabei entwickelte sie sich im Laufe der Jahre zu einem Ort der oppositionellen Friedensbewegung. Nach der Wende wurde ihr Wiederaufbau kontrovers diskutiert, schließlich aber mit öffentlichen Mitteln und mit Spendengeldern aus aller Welt innerhalb von 12 Jahren realisiert. Kosten: über 180 Millionen Euro. Das Kuppelkreuz stiftete der britische „Dresden Trust“. Gefertigt wurde es von Alan Smith. Sein Vater war einer der Flieger, die Dresden bombardiert hatten. Der Wiederaufbau der Frauenkirche also auch als Symbol der Versöhnung und der Hoffnung. Um den Friedensgedanken der einstigen Ruine zu erhalten, wurden 43% des alten Baumaterials wiederverwendet. Eine Meisterleistung traditioneller Handwerkskunst und Computertechnik. Zugegeben, auch mir erschien dieses Vorhaben damals aberwitzig. Viel Geld für einen symbolischen Gedanken! Im Krieg wurden doch so viele historisch wertvolle Gebäude zerstört und später nicht mehr aufgebaut. Warum nun gerade die Frauenkirche, von der nur noch Trümmer existieren? Sollte man nicht zeitgenössischer Architektur den Vorzug geben vor rekonstruierten Kulturdenkmälern vergangener Epochen?

 

Jetzt, da ich inmitten dieser lichten, heiteren Schönheit stehe, sind diese rationalen Überlegungen plötzlich bedeutungslos. Finanzierung, Schuld, Sühne, Vergebung, Einheit, Freundschaft, Toleranz, Versöhnung und Frieden – alles nur begriffliche Argumente des Verstandes. Gern lasse ich mich einspinnen in diesen pastellfarbenen Kokon der Ästhetik. Ich fühle mich selbst so leicht wie die fünf Emporen, die zu schweben scheinen. Alles ist rund und weich. Der Blick nach oben in die Kuppel gleicht dem Blick in den Himmel aus dem die vier Evangelisten herabschauen. Der Blick von der Kuppel hinunter in den Kirchenraum mutet an wie der Blick aus dem Himmel durch ein Wolkenloch.

 

 

Zurück auf der Erde fühle ich mich reich beschenkt und privilegiert, obwohl ich ja auch nur einer der zwei Millionen jährlichen Besucher bin. Beschwingt schlendern wir über den Neumarkt. Schon von der Aussichtsplattform der Frauenkirche fielen uns unten die vielen Neubauten im historischen Gewand rund um den Platz auf. Sieg der Traditionalisten über die Verfechter moderner Architektur. Ein wenig wirkt alles wie eine Filmkulisse. Und nun meldet sich doch wieder der Intellekt und fragt provokant: Hat diese Sehnsucht nach der Wiederherstellung zerstörter Vergangenheit und die sture Abwehr des Modernen nicht auch etwas Enges, Verlogenes, Neurotisches?

 

 

Auch der Altmarkt fiel uns von oben auf, oder genauer, die bunten Marktstände dort. Beim Näherkommen sehen wir, dass es kein Wochen-, sondern der jährliche Frühlingsmarkt mit allerlei kulinarischem Angebot ist. Was sind die traditionellen Speisen der Dresdner? Deftiges und Üppiges! Bratwurst, Hackepeter-Brötchen, Haxe, Gulasch, Sauerbraten, Quarkkäulchen und Kräppel beispielsweise.

 

 

Am Weinstand aus Meißen suchen wir uns einen Platz zwischen den überwiegend einheimischen Besuchern und genießen die Sonne bei einem süffigen Grauburgunder. Wie fast überall in der Stadt geht es auch hier ruhig und beschaulich zu. Sogar das Kinder-Riesenrad dreht sich ohne die sonst übliche laute Musik. Amüsiert lauschen wir dem Klang der Sprache an den Nachbartischen. Bisher mochte ich den sächsischen Dialekt nicht besonders, jetzt finde ich ihn weich und gemütlich. „Der Kiefer muss schön locker sitzen“, beschreibt es Siiri Klose in ihrem Reiseführer. Wenn ein Sachse gewollt - und vielleicht etwas angestrengt - hochdeutsch spricht, nennen das seine Landsleute gutmütig „Gewandhaussächsisch“.

 

 

Ein prall gefüllter Tag, der einen unterhaltsamen Abschluss im Kabarett Herkuleskeule findet. Schon seit 1967 existiert die kritische Kleinkunstbühne. Eines ihrer Programme wurde während des DDR-Regimes sogar verboten wegen des Satzes: „Wissen Sie, was mich an dem Kollegen so begeistert? Der ist in der Partei und trotzdem ein hochanständiger Mensch“.

 

Auch am Abend fährt die Tram noch in kurzen zeitlichen Abständen. Von der Haltestelle in Radebeul sind es nur noch wenige Hundert Meter bis zu unserer Ferienwohnung. Menschenleer ist die Straße jetzt. Als wir an dem Fabrikgebäude von „Teekanne“ vorbei kommen, frage ich Peter: „Hast Du gewusst, dass hier vor dem Krieg das Stammwerk des Teehauses war und dass dort auch der Teebeutel erfunden wurde?“ „Nö! Aber dass die Dresdner schon immer erfindungsreich waren, habe ich mal gelesen. Die haben zum Beispiel auch Fotokameras und die erste Lokomotive erfunden.“ „Ja, und den Kaffeefilter, die Reiseschreibmaschine und den Bierdeckel.“ „Nicht zu vergessen den Stollen, die Dominosteine und das Russisch Brot.“ „Der Vorreiter des BH - ein auf Hosenträgern basierender Brustträger – kam auch von hier.“

 

Am nächsten Tag erwartet uns der schon von zu Hause aus gebuchte kulturelle Leckerbissen, nämlich eine exklusive Führung durch die Semperoper. Vor dem Opernhaus warten viele Gruppen verschiedener Nationalitäten. Im Viertelstunden-Takt wird ihnen Einlass gewährt. Es gibt sogar Führungen in chinesischer Sprache. Wir sind froh, dass wir die teurere Alternative gewählt haben und allein mit Renate, der netten Architektin, unterwegs sind. Gemeinsam mit zwanzig weiteren Personen würde uns die Besichtigung keinen Spaß machen. Engagiert und kenntnisreich erzählt Renate allerlei Interessantes und beantwortet auch unsere Fragen. Von 1838-1841 baute Gottfried Semper eine erste Oper, die 1869 abbrannte. Das Dresdner Bürgertum, das den Neubau finanzierte, bestand erneut auf Semper als Baumeister. Der befand sich allerdings wegen seiner Teilnahme an Aufständen immer noch im Exil. Obwohl er amnestiert wurde, lieferte er nur die Entwürfe, die Bauleitung überließ er seinem Sohn. „Alles ist Verkleidung“, war seine Devise. Die Aufführungen sowieso, aber auch die Besucher kostümieren sich, um zu repräsentieren. Die Ausstattung des Opernhauses führt diesen Gedanken fort.

 

 

Was Marmor zu sein scheint, sind mit großer Handwerkskunst gefertigte Gipsintarsien. „Dafür werden die Materialien mit Pigmenten eingefärbt, geknetet und später marmorartig ineinander geknetet,“ erläutert Renate und macht dabei die entsprechenden Handbewegungen. Überhaupt ist ihre Gestik und Mimik sehr lebendig, was den Vortrag kurzweilig und amüsant macht. „Scagliola nennt man diese Technik“, erklärt sie und zieht dabei die Vokale wie eine Italienerin in die Länge. Ein einziger Handwerker beherrschte nach dem Krieg noch diese Technik. Für den Wiederaufbau der zerbombten Oper musste er daher erst einmal mehrere Arbeiter ausbilden. „Auflage des DDR-Regimes war, dass alle benötigten Handwerker aus Sachsen kamen, denn unser kleiner Saarländer wollte den Abzug von Fachkräften aus Berlin verhindern.“ Ich brauche eine Weile, bis ich kapiere, dass sie von Honecker spricht. Das Baudenkmal konnte weitestgehend nach Sempers Originalplänen rekonstruiert werden. Um auf allen Plätzen eine gute Sicht zu garantieren, wurde allerdings der Zuschauerraum erweitert und der Bühnenbereich verändert. Die Bühnentechnik gehört zur modernsten und besten in Europa. „Da träumen die Wiener nur davon“, lacht Renate und rollt mit den Augen. 1985, auf den Tag genau vierzig Jahre nach ihrer Zerstörung, wurde die Semperoper erneut eingeweiht. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus angesichts der faszinierenden Innenarchitektur mit den prachtvollen und opulenten Treppenaufgängen, dem kunstvollen Parkett, den aufwändigen Deckenmalereien, dem zum Flanieren einladenden Rundfoyer und schließlich dem Spielsaal in all seiner Schönheit.

 

 

Jede Wölbung, jede Mulde und jedes Ornament trägt zur sensationellen Akustik dieses Raumes bei. Ein auf der Bühne in Zimmerlautstärke gesprochenes Wort kann überall gehört werden.“ Ungläubig schauen wir Renate an. Wir könnten ihr noch stundenlang zuhören, aber leider sind die 45 Minuten schon überschritten. Noch ganz benommen verlassen wir das Opernhaus. Ein Gedanke kristallisiert sich aber glasklar aus diesem rauschhaften Zustand: „Hier will ich mal eine Aufführung sehen.“

 

Am nächsten Tag regnet es! In Strömen! Nun bietet sich doch ein Museumsbesuch an. Wir entscheiden uns für die Porzellanmanufaktur in Meissen.

 

 

Neben all seinen anderen Schwächen, litt August der Starke unter der „Maladie de Porcelaine“, wie er selbst zu sagen pflegte. Die zerbrechlichen Kostbarkeiten mussten für viel Geld aus China importiert werden. Das änderte sich, als dem Apothekergehilfen Böttger und dem Gelehrten von Tschirnhaus in Augusts Auftrag die Porzellanherstellung gelang. Das war Böttgers zweite Chance, nachdem er seine vollmundige Versprechungen, Gold machen zu können, nicht erfüllen konnte. Schnell entwickelten sich die beiden gekreuzten blauen Schwerter zum Markenzeichen für feinstes deutsches Hartporzellan.

 

Bis zum Beginn der Führung schauen wir uns im Porzellan-Shop um. Die Preise beginnen bei 59 Euro für einen Salzstreuer, ein bemaltes Väschen kostet 279 Euro. An der Kasse stehen Asiaten Schlange. Die Ware wird offen auf Tischen oder Regalen präsentiert und ich befürchte, mit Rucksack oder Kameratasche ein Regal abzuräumen. Zunächst informiert uns ein Film über die Geschichte des Porzellans und Einzelheiten des Herstellungsverfahrens. Die entscheidende Zutat für weißes Porzellan ist die feine Tonerde Kaolin, die seit mehr als 250 Jahren im eigenen Bergwerk in Seilitz abgebaut wird. Im Farblabor werden alle Auf- und Unterglasurfarben hergestellt und in rund 10.000 Rezepturen bewahrt. Sie sind ein streng gehütetes Geheimnis. In den nächsten Räumen erläutern mehrere Handwerker bei dezenter klassischer Musik ihre Arbeit. Das Drehen, Gießen und von Hand Formen wird ebenso gezeigt, wie das Bossieren. Darunter versteht man das Zusammenfügen der einzelnen Teile sowie das Formen und Anbringen kleinerer Dekorelemente wie Blüten und Blättern. Unter den geschickten Händen der Spezialisten entstehen filigrane Blumen oder zum Beispiel realistische Falten im Kleid eines Mädchens.

 

 

An der nächsten Station zeigt eine Porzellanmalerin ihr Können. Fasziniert beobachten wir ihre sichere Pinselführung. Der anschließende Rundgang durch die Ausstellungsräume des Museums erschlägt uns fast. Viel barocke Pracht, aber auch moderne Kunstwerke – man kommt aus dem Staunen nicht heraus und müsste Tage hier verbringen, um diese Konzentration von Kunst, Können und Schönheit angemessen zu würdigen. Beim Verlassen der Lokation bewundern wir noch das Denkmal „Saxonia“. Die „sächsischen Freiheitsstatue“ wurde zum 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung geschaffen und ist die größte freistehende Porzellanskulptur der Welt. Sie ist 800 kg schwer und 1,80 m hoch. Insgesamt 8.000 handgeformte „Schneeballblüten“ – ein historischer Dekor der Manufaktur aus dem Jahr 1739 – zieren ihr Kleid. Das Werk forderte allen beteiligten Gewerken der Meissener Manufaktur handwerkliche Meisterschaft ab. Allein drei Wochen benötigt die Skulptur für den Brand.

 

Es regnet ja immer noch“, stellen wir resigniert beim Verlassen des Museums fest. Insgeheim hatten wir gehofft, dass sich das Wetter während unseres Besichtigungstour bessern würde. So macht es wenig Sinn, durch Meißens Gassen zu schlendern. Wir fahren daher mit dem Auto durch enge Gassen hinauf auf den Burgberg. Fast menschenleer ist der pittoreske Platz mit Albrechtsburg und gotischem Dom bei dieser Witterung. Nur ein Hochzeitspaar posiert im Nieselregen für die obligatorischen Fotos. „Lass uns im Domkeller zu Mittag essen“, schlage ich vor. Neben der guten Küche bietet das urige Gasthaus einen sensationellen Blick hinunter auf die Stadt. Peter wählt Rindsrouladen. Skeptisch schaue ich ihn an. „Bist Du sicher? Die besten Rouladen machst du doch selbst. Ist da die Enttäuschung nicht vorprogrammiert?“ Eine Viertelstunde später serviert die dralle Kellnerin im Dirndl locker und freundlich unser Essen. „Die ist auch wieder so nett und offen. Von solchen Servicekräften können wir bei uns nur träumen“, flüstere ich Peter zu. Der ist aber abgelenkt, denn er probiert gerade vorsichtig die Roulade. „Lecker! Genauso gut wie meine!“, schmunzelt er zufrieden. Na, das will was heißen!

 

 Schau, der Regen hat aufgehört und die Sonne scheint!“ Wir können kaum glauben, wie schnell die dichte Wolkendecke aufgebrochen ist. Das macht Lust auf einen Wein in den Radebeuler Weinbergen. Schon vor 800 Jahren wurden - beginnend in Meißen - die ersten Reben gepflanzt. Im Laufe der Geschichte wurde der Weinbau sehr erfolgreich betrieben. Erst ab dem 18. Jahrhundert begann sein Niedergang. Die Wiedervereinigung brachte dann neuen Schwung, und heute gibt es wieder einige sehr erfolgreiche Weingüter. Wir steuern nicht das bekannte und noble Staatsweingut Schloss Wackerbarth an, obwohl die Fotos vom terrassierten Garten Lust darauf machen. Zunächst steigt Peter aber noch die 400 Stufen der Spitzhaustreppe bis zum Bismarckturm hoch.

 

 

Während ich unten in der Sonne auf seine Rückkehr warte, rennen junge Kerle die Treppe mehrmals hintereinander rauf und runter. Ihre muskulösen Waden lassen vermuten, dass sie dieses sehr effiziente Fitnessprogramm regelmäßig betreiben. Mein Handy meldet sich. Peter schickt eine WhatsApp mit einem Foto von der Terrasse des Ausflugslokals am oberen Punkt der Treppe. Gar nicht angestrengt kehrt Peter nach kurzer Zeit zurück. Wer hätte das noch vor einem Jahr gedacht?

 

 

In einer urigen Straußwirtschaft kosten wir dann das erste Glas Wein, auf der bezaubernden Terrasse des Weingutes Hoflößnitz ein zweites Glas. Hier, unter Kastanienbäumen mit Blick über das Tal, lassen wir den Tag entspannt ausklingen.

 

Wir brauchen Bewegung. Da bieten sich der weitläufige Park und die Wälder rund um Schloss Moritzburg an. Malerisch liegt das barocke Jagdschloss mit seinen Rundtürmen inmitten einer künstlich angelegten Teichlandschaft. An der Kasse warten viele Touristen. Darauf haben wir heute überhaupt keine Lust und so verzichten wir auf eine Innenbesichtigung. Lieber machen wir einen ausgedehnten Spaziergang durch die fast menschenleere Parkidylle.

 

Auf dem Dach des zierlichen Fasanenschlösschen sitzt ein hölzerner Mandarin, steinerne Hirsche liegen an den Hausecken und auf einem Mast in der Nähe brütet ein Storch. Der ist aber echt. Das Rokokkopalais war sommerliches Lustschloss. Am Großteich gibt es sogar eine Mole und einen Leuchtturm. Sie dienten als Kulisse für das Amüsement der kurfürstlichen Hofgesellschaften, die hier Seeschlachten nachstellten. Na ja, es gab ja noch kein Fernsehen und kein Internet.

 

Auch der Große Garten in Dresden war Ort für Feste und Spiele von Jagdgesellschaften. Heute kann jeder den Park mit Zoo und Botanischem Garten sowie das über 30 km lange Wegenetz nutzen. Als die Volkswagen AG verkündete, in der Nähe des Gartens, also im Zentrum der Stadt, eine Produktionsstätte errichten zu wollen, stieß sie damit bei den traditionsbewussten Dresdnern auf erheblichen Widerstand. Die ursprünglichen Baupläne mussten auch entsprechend abgespeckt und modifiziert werden. Mittlerweile ist das futuristische Gebäude der „Gläsernen Manufaktur“ zu einer wichtigen touristischen Attraktion für die Stadt geworden, und die Bürger haben sich damit arrangiert. Unsere Tram hält ganz in der Nähe. Schon aus der Entfernung fällt die außergewöhnliche Architektur aus Glas auf, mit dem runden Turm, in dem die fertigen Autos wie in einem Regal stehen.

 

Innen, kühne Formen und eine riesige, runde Meeting-Plattform, die wie ein Baumhaus auf Säulen mitten im Raum installiert ist.

Vor der Führung machen wir eine Probefahrt mit dem E-Golf. Wie auf Schienen scheint das Fahrzeug über die Straße zu gleiten, ein angenehmes Fahrgefühl. Bei unserer Rückkehr wartet Kevin, unser Guide schon auf die Gruppe. Der junge Mann gibt viele interessante Informationen und führt durch die unterschiedlichen Produktionsstationen der Endmontage von Fahrzeugen. Lichtdurchflutetes modernes Design – an eine Industriehalle erinnert das nicht gerade. Eher an einen Sciencefiction-Film.

 

Selbstfahrende Transportsysteme gleiten geräuschlos, wie von Geisterhand geführt, über das helle, makellose Parkett. Karosserien und Fahrgestelle werden durch eine unsichtbar im Boden installierte Fördertechnik in Zeitlupe weiterbewegt. Blitzsauber und leise ist es hier. In einer italienischen Espressobar geht es wesentlich lauter zu. Hin und wieder huscht ein Arbeiter im hellen, sauberen Overall an uns vorbei. „Ist gerade Pause? Es arbeitet ja keiner“, wundern wir uns. Tatsächlich erleben wir während der mehr als einstündigen Führung keinen einzigen Arbeitsprozess. „Dort drüben können wir gleich einen Roboter in Aktion sehen“, verspricht Kevin. Kaum kommen wir dort an, wird die Arbeit eingestellt. Ungewöhnliches Detail: Nur die Karosserien werden, fix und fertig montiert und lackiert, mit LKW angeliefert. Alle andere Teile befördert die CarGoTram, speziell entwickelte Wagen für das städtische Straßenbahnnetz. Das war eine Auflage der Stadt zur Erteilung der Betriebserlaubnis.