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Was ist denn das da oben?
Was ist denn das da oben?

„Eine schöne Silhouette bietet die Stadt nicht“, stelle ich enttäuscht fest. Mein Blick schweift über die schnörkellose Gebäudefront auf der anderen Seite. Unvergleichlich aber ihre Lage am Fjord, der im Skagerrak beginnt und am Rathaus von Oslo endet. Wir stehen auf der Museumshalbinsel im Westen der Stadt und schauen entzückt über das Blau des Wassers, auf dem weiße Schaumkrönchen hüpfen. Über uns ein fast genauso tiefblauer Himmel. Kinder spielen auf den Wiesen, junge Pärchen liegen schmusend in der Sonne, ein Mutiger badet. Es weht ein kühler Wind, der den Fjord kräuselt. Gemächlich tuckert ein Boot vorbei. Vielleicht macht es einen Ausflug zu einer der unzähligen Inseln, die zur Hauptstadt gehören. Manche von ihnen sind bewohnt, die meisten nicht. Kontiki-, Viking-, Fram- und Folkemuseum liegen am Rande eines Villen-viertels. Wie in vielen Städten gibt es auch in Oslo einen feinen West- und einen ärmlichen Ostteil. Residiert hier die Hautevolee in rosenumrankten Anwesen, inmitten parkähnlicher Grundstücke, wohnen dort die einfachen Leute in renovierungsbedürftigen Mehrfamilienhäusern.

 

Oslo, erst Stadt der Bauern, dann Industriemittelpunkt, heute Zentrum für Verwaltung und Politik. Wie eine Metropole wirkt die Kapitale nicht. Es geht gemächlich zu, fast kleinstädtisch. Eine Handvoll moderner Hochhäuser oder traditionelle Holzhäuser inmitten von Wiesen und Wald, wo nur das ferne Rauschen des Verkehrs an die Großstadt erinnert. In Oslo kann man beides haben: Urbane Annehmlichkeiten und beschauliche Landidylle. Der Freizeit-wert der Stadt ist hoch. Überfüllte Strandbäder neben stillen Buchten. Segeln, Skaten, Surfen, Turnen, Tanzen, Kiting, Joggen, Surfen, Schach-spielen, Freerunning – all diesen Sportarten sind wir während unseres kurzen Aufenthaltes begegnet. Auf Plätzen, im Park, am Strand, im Fjord. Zum ersten Mal sehen wir freerunning life. Athletische junge Männer laufen Wände hoch, überspringen Mauern, rollen sich ab, überschlagen sich, drehen Pirouetten. Fantastisch!

Wir sind mit dem Roller unterwegs, genießen die jetzt sommerlichen Temperaturen und das ruhige städtische Treiben. Entspannt, denn nur auf den Ringstraßen brodelt der Verkehr. Vom Schloss führt schnurgerade der Karl-Johans-Gate bis zum Bahnhof. Champs-Élysées des Nordens wird dieser Boulevard mit seinen alten, beeindruckenden Bauwerken gern genannt. Nationaltheater, Universität, Parlament, Domkirche, das feudale Grandhotel. Unzählige Restaurants, Kneipen und Bars. Laut Reiseführer sollen entlang der Straße fliegende Händler rege Geschäfte betreiben. Wir sehen keinen einzigen. Ebenso vermissen wir Straßenmusikanten.

 

Bei unseren Reisen besuchen wir hin und wieder gern ein Restaurant, erfährt man dort doch einiges über Kultur, Tradition und Gesellschaft des Landes. In Oslo allerdings verzichten wir auf diesbezügliche Studien. Es ist einfach zu teuer. Da packen wir lieber unsere mitgenommenen Stullen aus und lassen uns unter dem schattigen Dach, das imposante Ahornbäume über einen idyllischen Platz spannen, nieder. Aber eine Tasse Kaffee und später ein Bier gönnen wir uns dann doch, denn was ist ein Großstadt-besuch, ohne in einem Straßencafé zu sitzen und das Promenieren, Impo-nieren, Kommunizieren und Ventilieren der Leute zu beobachten? Inter-nationales Publikum. Südländische Atmosphäre. Jung und Alt sitzt in den Bistros bei Kaffee, Cola oder Bier. Viele mit einem Buch oder einem Laptop auf den Knien. Immer wieder fällt uns das glückliche Lächeln von Menschen beim Lesen oder Tippen einer SMS auf. Inseln der Ruhe findet man überall. In den Grünanlagen, bei den Museen, auf der Wiese der alten Festung. Hier haben sich vor allem junge Leute niedergelassen. In knalliger Sonne, braun-gebrannt und tätowiert, in lässige Shorts, knappe Bikinis oder leichte Som-merkleidchen gekleidet.

 

An einem Kiosk steht ein Mann hinter dem Ladentisch, dessen Arme voll-ständig tätowiert sind. Stolz zeigt eine Kundin ihm ihre Gemälde auf Hüfte, Wade und Nacken. Interessiert kommt er hinter dem Tresen hervor und schaut sich die Körperkunst genauer an. Viele Ahs und Ohs sind zu hören.

 

Nicht weit von der Festung entfernt steht das Rathaus – mächtig, trutzig, schrecklich! Der Baustil, der monumentale Platz davor und die heldenhaften Skulpturen, die das Gebäude schmücken, erinnern uns stark an die sozialistischen Bauwerke in Polen. Fasziniert sind wir dagegen von der neuen Oper, einem hochmodernen Palast aus weißem Marmor und Glas. Gleißend, liegt er direkt am Wasser. Wir kneifen die Augen zusammen. Zu viel Licht? Oder zu viel Schönheit? Das Gestein ist unterschiedlich bear-beitet. Mal poliert, mal geriffelt, mal grob behauen. Verwirrende Glasflächen. Durchblicke, Spiegelungen. Mehrfach. Man weiß nicht mehr auf welcher Ebene der Blick verweilt. Clou der verwegenen Konstruktion - das gesamte Dach der Oper ist begehbar. Mit weichen Knien gehe ich die schiefe Ebene aus Marmor hinunter und laufe perspektivisch direkt in den Fjord. Vorsichtig einen Schritt vor den nächsten setzend – es lauern Stufen, Kanten, Rillen.

 

 

Muskulöse Männer mit markanten Gesichtern und glatten Schädeln, stämmige Frauen mit großen Brüsten und Kinder, immer wieder Kinder - nahezu 200 Granitskulpturen des Bildhauers Vigeland stehen im Frogner-park. Herausragend ein Monolith mit 121 ineinander verschlungenen Kör-pern. Alte und Junge. Die „Message“: Die Generationen sind aufeinander angewiesen und müssen einander tragen.

 

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