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Sheikh-Zayed-Moschee Abu Dhabi
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Mitten durchs Maronenfest


Maronenfest in Aritzo, am letzten Sonntag im Oktober. So jedenfalls steht es in meinem Reiseführer. Vorsichtshalber machen wir uns bereits einen Tag früher auf den Weg, damit wir uns rechtzeitig nach einem geeigneten Übernachtungsplatz umsehen können. Die warme Herbstsonne begleitet uns durch die mal schroffe, mal liebliche Berglandschaft. Wieder ein unvergessliches Erlebnis. Mir fällt eine Zeile aus einem Gedicht ein: „Lass uns die schöne Aussicht suchen gehen, bis wir taumeln, fallen.“ Inmitten gelb leuchtender Kastanien liegt das beschauliche Bergstädtchen auf 800 m Höhe. Wie hier sah es früher auf ganz Sardinien aus, bis dann im 19. Jahrhundert die dichten Wälder für Holzkohle und Eisenbahnschwellen gerodet wurden.

 

Je mehr wir uns Aritzo nähern, desto lauter hören wir Musik und Stimmengewirr. Fragend schauen wir uns an. Hinter der nächsten Kurve wird unsere Befürchtung zur Gewissheit: Das Fest ist bereits in vollem Gange. „Wie sollen wir denn da durchkommen?“ „Und einen Parkplatz finden wir jetzt auch nicht mehr!“ Kirmes und Buden auf der Durchgangsstraße. Keine Wendemöglichkeit. „Da müssen wir durch, es hilft alles nichts.“ Vorbei an riesigen Grillstationen mit halben Spanferkeln, Hähnchenteilen und Fleischspießen. Köstlicher Bratenduft und beißender Rauch ziehen ins Wohnmobil hinein. Kara schnuppert interessiert. Gelassen treten die Leute zur Seite, quetschen sich an eine Mauer oder einen Verkaufsstand, damit wir passieren können. „Pass auf, rechts die Straßenlaterne!“ „Der Balkon da vorne ist ziemlich niedrig!“ „Kommst Du an dem Zeltdach vorbei?“ „Hier rechts passt es, zur Mauer sind es noch 10 cm!“ „Vorsicht, das Kind!“ „Du lieber Himmel, das muss jetzt auch noch passieren!“ Ein dicker LKW kommt uns entgegen. Bewundernswert, wie Peter die Ruhe bewahrt. Per Handzeichen verständigen sich die beiden Fahrer. Hilfsbereit zieht ein Marktbeschicker seinen Verkaufstisch etwas nach hinten, der LKW schmiegt sich dicht an den Absperrzaun und dann tastet sich Peter Zentimeter für Zentimeter an ihm vorbei. Mit eingeklappten Spiegeln, auf Tuchfühlung. Am Ortsausgang werden wir belohnt. Zwischen zwei Buden entdecken wir eine Lücke in einer Mauer, hinter der liegt eine Wiese und auf dieser steht ein Wohnmobil. „Das ist bestimmt privat, sonst würden da doch mehr Fahrzeuge stehen.“

 

Im nächsten Moment springt ein Mann aus dem Camper und gibt uns durch Winken zu verstehen, wir könnten uns neben ihn stellen. Fachmännisch weist er Peter beim Rückwärtsfahren ein, um danach sofort in seinem Wohnmobil zu verschwinden. Kurz darauf - unser Motor läuft noch – kommt er wieder heraus und schwenkt in der einen Hand kleine Plastikbecher und in der anderen eine Flasche Mirto. Eigentlich trinken wir am frühen Nachmittag nicht gern Alkohol, aber wir wollen den freundlichen Sarden nicht brüskieren. Mit gemischten Gefühlen stoßen wir also mit ihm an. Einerseits freuen wir uns über so viel Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit, andererseits befürchten wir, dass er uns jetzt mit Beschlag belegt. Viel lieber würden wir eine Tasse Kaffee trinken, ein bisschen ausruhen und dann über die Feststraße schlendern.

 

Höflich, aber reserviert, unterhalten wir uns also mit dem sardischen Wohnmobilisten, stellen uns gegenseitig vor, tauschen Freundlichkeiten aus und sind schließlich völlig überrascht, als sich Giorgio, kaum dass wir das Schlückchen Likör ausgetrunken haben, mit einem „Bella giornata!“ verabschiedet, ohne zu vergessen, die gebrauchten Plastikbecher einzusammeln und mitzunehmen.

 

Auch später auf dem Fest begegnet uns Mäßigung und Zurückhaltung. Alkohol wird nicht auf der Straße, sondern in den Bars ausgeschenkt. Nur auf der Piazza steht ein Fässchen Wein aus dem sich das Publikum kostenlos bedienen kann. Kleine Espressobecher liegen dafür bereit. Staunend beobachten wir, wie sich die Gäste einen Schluck zapfen und dann weitergehen. Keiner bringt einen großen Becher mit oder nimmt gar ein zweites Mal. Man stelle sich vor, in Deutschland gäbe es bei einem Fest Freiwein auf dem Marktplatz. Mit Toten und Schwerverletzten müsste man rechnen! Wie bereits erwähnt, gibt es einige Grillstationen, die aber alle mehr oder weniger das Gleiche anbieten. Da auch alle zur gleichen Zeit essen wollen, nämlich zwischen 13 Uhr und 14 Uhr, ist der Andrang um diese Zeit ziemlich groß. Davor und danach brutzeln die Würste und Spanferkelhälften wenig appetitlich vor sich hin. Ein Stand hat sich auf Fisch spezialisiert: Aale, Tintenfische und verbrannte Oraten verbreiten einen penetranten Duft. Geschockt sind wir von einem Spieß mit Vögeln, etwas kleiner als Wachteln, inklusive Schnabel.

 

Sehr schöne, handgewebte Teppiche neben uniformer Industrieware. Kunstgewerblicher Schmuck, Bastkörbe, Würste und Schinken. Schönes, aber auch Kitschiges. Vom Wackeldackel bis zu kopulierenden Wildschweinen aus Holz. Käse, Süßigkeiten und natürlich Maronen. Unsere Finger sind schon ganz schwarz vom Schälen der gerösteten und leicht gesalzenen Köstlichkeiten. Fachkundig begutachten die weiblichen Kunden die angebotenen Waren. Befühlen Stoffe, kosten Oliven, riechen am Käse. Besonders die älteren und alten Frauen sind sehr unterschiedlich anzuschauen. Die einen im chic-modernen Outfit und mit fescher Frisur, die anderen traditionell komplett schwarz gekleidet, mit langen, stark gekräuselten Röcken, Strickstrümpfen und Kopftüchern. Maronenknabbernd haben wir uns auf einer Mauer niedergelassen und beobachten das Treiben. Wieder mal denken wir, dass die Sarden leiser, zurückhaltender als die Sizilianer sind. Selten hört man laute Stimmen, die Gestik ist zwar ausgeprägt, aber die Hände führen bei weitem nicht das energische Eigenleben wie bei den Inselnachbarn.

 

Alles ist nett und interessant, aber wir sind trotzdem enttäuscht, hatten wir uns doch ein traditionelles Fest mit Trachten, Bräuchen, Musik und Tanz vorgestellt. Nur ein paar Männer ziehen mit alten Instrumenten die Straße hoch und runter und spielen typisch sardische Melodien. Sie tragen schwarze Feinkordhosen und –jacken, weiße Hemden mit Stehkragen und schwarze Filzmützen, die an eine Nachtkappe erinnern. Mit Trommel, Hirtenflöten verschiedener Art, einem Akkordeon und einem kleineren Saiteninstrument spielen die Musikanten sehr rhythmische, traurig-monoton klingende Weisen. Eine Flöte besteht aus drei unterschiedlich langen Schilfrohren: Die Launedda, ein typisch sardisches Blasinstrument, das sehr kompliziert zu spielen ist. Wie beim Digeridoo sind ihr nur mit der Zirkularatmung Töne zu entlocken.

 

Unser freundlicher Nachbar informiert uns, dass am Abend eine bekannte sardische Gruppe auftreten wird. In der Hoffnung, dass Canto a Tenores gesungen werden, also Hirtenlieder, die den gregorianischen Gesängen ähneln sollen, finden wir uns pünktlich um 21.00 Uhr auf dem Marktplatz ein. „Vielleicht hat sich Giorgio im Datum geirrt und das ist erst morgen?“, mutmaße ich, denn hier sind weder Zuschauer noch die Musikgruppe. Zwar ist die gesamte Elektronik aufgebaut, aber der Platz ist dunkel und verlassen. Also schlendern wir nochmal die Straße entlang und trinken in einer Bar ein Gläschen Cannonau. Kurz vor 22.00 Uhr geht es endlich los. Enttäuscht schauen wir uns an, denn die ganz „normale“ Band spielt altbekannte Hits. Die Abendkühle krabbelt allmählich an unseren Beinen hoch. Ein Tänzchen könnte sie abschütteln. Wir schauen uns um: Nein, das ist hier wohl nicht üblich. Irgendwie hatten wir uns ein „typisch sardisches Fest“ anders vorgestellt. Fröhlich, laut, ausgelassen. Aber wahrscheinlich sind das Klischees in unseren Köpfen, genährt aus Filmen der 50er Jahre.

 

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