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Sheikh-Zayed-Moschee Abu Dhabi
Sheikh-Zayed-Moschee Abu Dhabi

Aus dem Buch "Kaltes Land unter heißer Sonne, Teil 1":

 

Alles ist möglich

 

Schon im Hafen von Genua begegnet uns orientalisches Flair. Männer im Kaftan stehen schwatzend in Grüppchen zusammen, in bunte Tücher gehüllte Frauen schlendern umher oder haben sich um einen mit Couscous gefüllten Topf auf dem Asphalt niedergelassen. Fasziniert beobachte ich, wie sie mit den Fingerspitzen mundgerechte Kugeln aus dem Getreide formen und diese dann mit einer schnellen Bewegung in den Mund befördern. Schon Stunden vor der Abfahrt der Fähre nach Tanger ist der Parkplatz auf der Mole überfüllt mit Kleintransportern und PKW. Auf den Dächern der Fahrzeuge türmt sich alles, was in Marokko einen Marktwert hat. Stühle, Matratzen, Kleinmöbel, Leitern, Werkzeuge und immer wieder Fahrräder sind zu abenteuerlichen Gebilden hoch aufgestapelt.

 

Gedankenverloren sitze ich auf einer Mauer und schaue zufrieden seufzend über die bunte und lebendige Szenerie. „Du siehst so glücklich aus“, meint Peter und legt seinen Arm um meine Schultern. „Ja, ich bin auch glücklich!“ Übermütig breite ich meine Arme aus. „Weil wir wieder unterwegs sind!“ „Du Zigeunerin!“ lacht Peter. Ja, es stimmt, ich bin gern auf Achse. Immer will ich wissen, wie es woanders ist. Und nun wagen wir endlich den Sprung nach Nordafrika. Lange haben wir uns gegen Marokko gesträubt. Man hört so viel Negatives über das Land: Lästige Händler, schlechte Wasserqualität, heruntergekommene Campingplätze, Armut und bettelnde Kinder neben luxuriöser Pracht. Marokko, ein Land der Extreme, provoziert auch extreme Urteile. Entweder begeisterte Faszination oder ein „Nie wieder!“ „Wenn es allzu schlimm wird, sind wir ja in einer knappen Stunde in Spanien“, tröste ich mich. Aber zu einer unserer Reiseprinzipien gehört, nicht zu schnell zu resignieren. Manchmal versperren Enttäuschung und Stress der ersten Tage nämlich den Blick. Dann muss man sich etwas mehr Zeit gönnen, länger hinschauen, um sich an das Fremde in der Fremde zu gewöhnen.

 

Schon die Atmosphäre im Hafen versetzt mich regelmäßig in eine Art kribbeliger Vorfreude. Dröhnende Schiffsmotoren und donnernde LKWs. Verkehrslärm aus der angrenzenden Stadt. Sirenen, Musik und laute Stimmen. Nicht schön, und doch hat das Warten in dieser lauten, hektischen Betriebsamkeit eine aufregende Seite. Gefühle tausender Menschen auf den Punkt gebracht, auf diese Mole am Hafen konzentriert. Stress, Termindruck, Aufbruch, Abschied, Freude, Hoffnung. Sie laden die Atmosphäre auf, bringen die Luft zum Vibrieren. Alles ist möglich.

 

Zwei Tage dauert die Überfahrt. Wir haben eine „Dog cabin“ gebucht, dürfen Kara also mit in die Kabine nehmen. Das erspart der manchmal etwas ängstlichen Hündin den Stress einer engen Box. Nachdem sie die neue Umgebung ausgiebig beschnüffelt hat, liegt sie völlig entspannt vor den Betten. „Ich glaube, wir können sie jetzt allein lassen und uns um die Einreiseformalitäten kümmern“, schlägt Peter vor. Wenige Minuten später blicken wir entsetzt auf die Menschenmenge vor dem Büro. „Das kann ja Stunden dauern, bis wir endlich dran sind!“ Wir wollen schon resigniert umkehren, als ein junger Marokkaner freundlich auf uns zukommt: „Madame, allez, privilège!“ Verständnislos schauen wir ihn an. „Privilège! Privilège!“ Peter schiebt mich in Richtung Tür auf das Knäuel von Leuten zu. „Geh´ nur, Frauen werden offensichtlich bevorzugt behandelt.“ „Da soll ich allein hineingehen? Nur Männer! Und schau doch mal, wie grimmig die alle aussehen!“ In diesem Moment teilt sich die wartende Menschenschlange und gibt eine Gasse für mich frei. Unvermittelt stehe ich in dem großen Raum. Ein Mann eilt herbei, weist mir einen Stuhl zu und gibt mir mit Gesten zu verstehen, ich sei die Nächste. An einer langen Tischreihe sitzen die Angestellten der Behörde hinter ihren Laptops und lassen ihre Machtmuskeln spielen. Schroff und überheblich behandeln sie ihre Landsleute und ein paar Minuten später auch mich. Ohne ein Wort mit mir zu wechseln oder mich auch nur eines Blickes zu würdigen, zieht der Beamte die Reisedokumente aus meiner Hand, gibt die Daten in den Computer ein, stempelt die Pässe ab und lässt mich mit einem unmerklichen, herablassenden Kopfnicken wissen, ich sei fertig. Sobald ich mich dem Ausgang nähere, bildet sich wieder eine Schneise, durch die ich das Büro verlasse, um gleich darauf einem völlig verdutzten Peter gegenüber zu stehen. „Du bist schon fertig?“ fragt er erstaunt.

 

Großzügig und modern begrüßt uns der neue Hafen östlich von Tanger. Ich bin ein wenig aufgeregt, befürchte, dass sich die Formalitäten auch aufgrund unserer mangelnden Französischkenntnisse endlos in die Länge ziehen werden. Reiseführer und Erzählungen von Freunden haben uns auf stundenlanges Warten und auf Schikanen vorbereitet. Eine gute halbe Stunde später schauen wir uns ungläubig an, denn wir sind schon auf der gut ausgebauten Autobahn Richtung Asilah.